Stellt euch einen Morgen vor, so glitzernd wie frisch ausgeschütteter Puderzucker. Im Garten von Morgentau war es eigentlich wie immer – bis Barnaby aufwachte. Barnaby ist kein gewöhnlicher Detektiv. Er trägt Stiefel aus weichen Schlangenhaut-Schuppen, eine Tunika aus Silberfadengras und seine Flügel sehen aus wie zwei perfekt gezackte Ulmenblätter. Wenn er fliegt – Zipp! – riecht die Luft nach Klee und Abenteuer.
Doch an diesem Morgen war etwas furchtbar schiefgelaufen. Barnaby rieb sich seine bernsteinfarbenen Augen und starrte auf die Tulpen. „Heiliger Löwenzahn!“, rief er. Die Tulpen waren nicht mehr gelb oder rot. Sie waren grau. Mausgrau. Staubgrau. Sogar die Rosen wirkten, als hätte jemand ihre Samtpacht mit einer grauen Decke überzogen. Ein Garten ohne Farben? Das ist für eine Elfe wie ein Orchester ohne Instrumente. „Hier stimmt was nicht“, murmelte Barnaby und griff nach seiner Tasche aus einer Eichelschale. „Das ist ein Fall für... mich.“
Zuerst befragte er Buzz, eine Hummel, die gerade versuchte, auf einer grauen Blume zu landen. „Hatschi!“, nörgelte Buzz. „Barnaby, ich finde den Weg nicht! Ohne die bunten Landebahnen bin ich völlig aufgeschmissen!“ Barnaby suchte den Boden ab. Da! Zwischen den grauen Stängeln glühte etwas. Es war kein normaler Blütenstaub. Es war ein leuchtender, neonblauer Pfad, winzige Punkte, die wie Sterne im Matsch funkelten. „Folgt dem Glitzern“, sagte Barnaby zu sich selbst und schwirrte los. Er passierte den mürrischen Schneckrich Balthazar, der nur den Kopf schüttelte. „Da ist was Blaues vorbeigesaust“, schleimte Balthazar. „Viel zu schnell für meinen Geschmack. Schlupp, und weg war es Richtung Teich.“
Um zum Teich zu gelangen, musste Barnaby den 'Großen Schlammsee' überqueren – für uns eine Pfütze, für Barnaby ein Ozean aus klebriger Gefahr. Er nutzte seinen Gürtel aus Löwenzahnstängeln als Lasso, schwang sich an einem Farnblatt über den Abgrund – Huiii! – und landete weich im Farnwald. Dort drüben, am Ufer des Alten Froschteichs, sah er es: Ein kleines Wesen saß am Wasser. Es war Nixie, die Wassernymphe mit Haut so klar wie Glas. Sie hielt eine hohle Schilfrohr-Flöte in den Händen und saugte – Wusch-Schlürf! – die letzten Reste von Lila aus einer fernen Glockenblume ein.
Barnaby landete leise auf einem Stein. „Nixie? Warum stiehlst du die Farben? Die Bienen finden keine Nahrung mehr und der Garten verliert seine Seele.“ Nixie zuckte zusammen. Ihre großen Augen füllten sich mit Tränchen. „Es ist so dunkel da unten im Teich“, flüsterte sie. „Ich wollte nur ein bisschen Licht. Wenn ich die Farben einsauge, funkeln sie in meiner Höhle wie kleine Lampen. Ich wollte niemanden verletzen, ich bin nur so... allein.“
Barnaby spürte einen kleinen Stich in seinem Herzen. Er wusste, wie es war, klein zu sein. Er schimpfte nicht. Er setzte sich neben sie. „Weißt du, Nixie, wenn du den Garten grau machst, wird niemand mehr zum Spielen kommen. Aber schau mal in meine Tasche.“ Er holte ein Stück leuchtendes Moos hervor, das er im tiefen Wald gefunden hatte. „Das hier wächst im Dunkeln. Wenn wir davon etwas in deinen Teich pflanzen und bunte Kieselsteine sammeln, wird dein Zuhause strahlen wie ein Regenbogen – ohne dass draußen die Blumen sterben müssen.“
Nixies Gesicht hellte sich auf. Gemeinsam setzten sie die Schilfrohr-Flöte an. Aber diesmal saugten sie nicht. „Eins, zwei, drei... Pustet alle mit!“, rief Barnaby. Nixie blies in die Flöte und – Fuff! – eine gewaltige Wolke aus buntem Nebel schoss aus dem Rohr. Rot, Gelb, Blau und Violett wirbelten durch die Luft, tanzten über die Wiese und setzten sich wie Zauberstaub auf die Blütenblätter. Die Tulpen leuchteten wieder, die Bienen summten vor Freude und sogar der griesgrämige Balthazar sah ein bisschen zufriedener aus.
Barnaby half Nixie den ganzen Nachmittag, ihren Teich mit glühendem Moos und polierten Quarzen zu schmücken. Jetzt hatte Nixie nicht nur ein helles Heim, sondern auch einen Freund, der sie regelmäßig besuchte. Barnaby flog am Abend zurück zu seinem Moosbett, strich sich über seine goldenen Sommersprossen und lächelte. Manchmal, so lernte er, ist ein Diebstahl in Wahrheit nur ein Ruf nach Gesellschaft. Und so war im Garten von Morgentau wieder alles genau so, wie es sein sollte.