Es war einmal eine kleine Schule mit hohen grauen Steinmauern und einem Schulhof, der nach dem Regen nach feuchter Erde und nach der Pause nach Abenteuern duftete. In dieser Schule lebte – na ja, sie ging dort jedenfalls zum Unterricht – ein Mädchen namens Ema. Ema war ein bisschen wie eine Tagträumerin, die direkt aus einer Wolke gepurzelt war. Sie trug eine Brille mit goldenen Rändern, die ständig auf ihre Nasenspitze rutschte, und einen riesigen, senfgelben Strickpullover, der so groß war, dass ihre Hände fast darin verschwanden. Aber das war kein Zufall. Oh nein, das war Emas Geheimnis.
Eines Morgens, gerade als die Glocke zur großen Pause läutete – Bim-Bam! –, stürmten alle Kinder nach draußen. Sie rannten und schrien und spielten Fangen. Aber Ema? Ema hatte einen ganz anderen Plan. Sie suchte sich die hellsten, goldigsten Flecken auf dem Pausenhof. Dort, wo die Sonne den Boden küsste, blieb sie stehen. Weißt du, was sie dann machte? Sie breitete ihre langen, weichen Ärmel ganz weit aus, wie die Flügel eines friedlichen Vogels. „Komm schon, liebes Licht“, flüsterte sie. Und – wusch! – die Sonnenstrahlen purzelten direkt in ihre Ärmel hinein. Sie fühlten sich an wie warmes flüssiges Gold oder wie frisch gebackener Apfelkuchen.
Ema klappte ihre Ärmel vorsichtig an ihren Körper, damit ja kein einziger Strahl wieder herauskletterte. Sie sammelte die Wärme wie kostbare Murmeln. Sie wollte diese Wärme nämlich verschenken. Denn manchmal, das wusste Ema ganz genau, tragen Kinder kleine, unsichtbare graue Wolken über ihren Köpfen. Und gegen graue Wolken hilft am besten eine ordentliche Portion eingefangener Sonnenschein.
Als es Zeit war, zurück ins Gebäude zu gehen, klickerten Emas Turnschuhe – klack-klack-klack – über die kalten Steinfliesen der Flure. Alles fühlte sich herbstlich und ein bisschen streng an. Ema passte furchtbar auf. Sie durfte niemanden anstoßen! Puf! Sonst würde der Sonnenschein vielleicht einfach aus ihren Ärmeln verpuffen. Sie sah ihren Freund Leo an seinem Tisch sitzen. Leo hatte ein Mathe-Rätsel vor sich, das so knifflig war, dass seine Augenbrauen ganz eng zusammenrutschten. Er sah richtig grau aus vor Ärger. „Hach“, seufzte Leo ganz tief.
Ema schlich auf Zehenspitzen zu ihm. „Soll ich dir ein bisschen Licht leihen?“, fragte sie leise. Bevor Leo antworten konnte, tat Ema etwas Wunderbares. Sie unrollte ihre langen, senfgelben Ärmel direkt neben ihm. Wusch! Ein Schwall von Wärme und der Duft von Sommertagen wehten über Leos Heft. Plötzlich fühlte sich die schwierige Zahl 8 gar nicht mehr so grimmig an, und die 5 sah fast so aus, als würde sie tanzen. Leo musste lächeln. Sein Gähnen verwandelte sich in ein breites Grinsen, und die kleine graue Wolke über seinem Kopf löste sich einfach in Luft auf.
Aber da war noch Sarah. Sarah saß ganz allein in der Ecke und starrte auf ihre Schuhspitzen, weil sie sich mit ihrer besten Freundin gestritten hatte. Sie sah aus, als würde sie gleich anfangen zu frieren, so traurig war sie. Ema ging zu ihr und öffnete ihre Arme ganz weit für eine Umarmung. Es war keine gewöhnliche Umarmung, nein! Es war eine Sonnenstrahl-Umarmung. „Puff!“, machte es, als die restliche Wärme aus dem Strickpullover direkt in Sarahs Herz wanderte. Sarah atmete tief ein. Es roch nach Abenteuern und Geborgenheit. „Danke, Ema“, flüsterte sie, und ihre Augen begannen wieder zu funkeln.
Sogar die Lehrerin, die gerade mit strengem Blick und schnellen Schritten durch die Klasse eilte, blieb plötzlich stehen. Sie schnupperte an der Luft. „Huch“, sagte sie und lockerte ihre Schultern. „Heute fühlt es sich hier drin an, als würde der Sommer uns besuchen.“ Sie lächelte Ema zu, und Ema rückte ihre Brille wieder an den richtigen Platz auf ihrer Nase.
Ema wusste nun ganz genau: Ihr Pullover war nicht nur aus Wolle gestrickt, sondern aus der Güte, die sie jeden Tag neu sammelte. Und so wurde es in der kleinen Schule mit den hohen Mauern plötzlich viel heller, nur weil ein Mädchen mit einem zu großen Pullover wusste, wie man das Licht festhält, um es anderen zu schenken. Und genau so, mit ein bisschen Wärme im Ärmel und ganz viel Liebe im Herzen, wurde alles wieder gut.