Fluffy war der festen Überzeugung, dass jedes Rätsel eine Lösung hat, solange man genug Optimismus und eine Lupe mitbrachte. In seinem bunt bemalten Gartenschuppen hatte er die „Detektei für unmögliche Fälle“ eröffnet. Das Schild war noch nicht ganz trocken, als der erste Klient herbeistürmte. Es war Herr Schleck, der örtliche Eisverkäufer, dessen weißer Kittel völlig zerzaust war. „Fluffy!“, rief er verzweifelt. „Es ist eine Katastrophe! Im Stadtpark spielt die Natur verrückt. Mein bestes Vanilleeis fliegt einfach davon!“
Fluffy rückte seine kurzen Brauen zurecht und notierte alles gewissenhaft. „Keine Sorge, Herr Schleck, Fluffy übernimmt den Fall!“ Er schnappte sich seine Lupe und watschelte zum Park. Schon von weitem sah er das Chaos. Es war ein absurder Anblick: Dutzende bunte Kugeln schwebten wie kleine Heißluftballons in den Himmel. Erdbeere, Zitrone und Schokolade trieben träge über die Köpfe der staunenden Besucher hinweg. Seltsamerweise blieben die Waffeln, die Hunde und sogar die Servietten fest am Boden verankert.
Mitten im Getümmel hantierte Professorin Kniffke mit kompliziert aussehenden Apparaten. „Höchst merkwürdig!“, murmelte sie, während sie eine Antenne in Richtung einer fliegenden Portion Stracciatella hielt. „Die laktosebasierte Antigravitation erreicht hier kritische Werte. Laut meinen Berechnungen dürfte dieses Eis gar nicht existieren, und doch schwebt es dort oben wie eine Cumuluswolke aus Minz-Schokolade.“ Fluffy beobachtete die Flugbahn genau. Ihm fiel etwas auf, das die Professorin in ihrer wissenschaftlichen Hektik völlig übersehen hatte: eine Spur aus glitzernden Zuckerstreuseln.
Die glitzernde Spur führte nicht wahllos in die Luft, sondern zog sich wie ein unsichtbarer Pfad direkt zur Krone der Uralten Eiche, dem höchsten Baum des Parks. Fluffy blickte an dem gewaltigen Stamm empor. Er war zwar ein kleiner, runder Kerl, aber sein Herz war groß und voller Abenteuerlust. „Das Eis will irgendwohin“, schlussfolgerte er klug. Mit seinen kleinen Pfoten hielt er sich an der Rinde fest. Er musste das Geheimnis lüften, bevor der ganze Park nur noch aus leeren Waffeln bestand.
Der Aufstieg war tückisch. Je höher Fluffy kletterte, desto seltsamer wurde die Luft. Plötzlich spürte er, wie seine Füße den Halt verloren. Er befand sich in einer Zone, in der die Schwerkraft nur noch eine vage Empfehlung war. Er paddelte mit den Armen, als würde er schwimmen, und schwebte langsam zwischen den Zweigen hindurch. Überall um ihn herum tanzten gefrorene Leckereien. Ein dicker Klecks Pistazieneis klatschte fast gegen seine Nase, bevor er geschickt auswich und sich am nächsten Ast festhielt.
Ganz oben in der Baumkrone, versteckt zwischen den dichtesten Blättern, entdeckte Fluffy die Ursache des Schlamassels. Dort saß ein winziges Wesen mit schimmernden Flügeln und einer großen, leuchtenden Maschine in der Hand. Es war Pippin, ein kleiner Waldgeist mit großen, traurigen Augen. Pippin hielt einen U-förmigen Apparat, der ein sanftes, violettes Licht ausstrahlte – einen Geschmacks-Magneten. Jedes Mal, wenn Pippin den Knopf drückte, zischte eine neue Kugel Eis vom Boden direkt in seine Reichweite hinauf.
„Pippin?“, fragte Fluffy sanft, während er schwerelos neben einem Zweig verweilte. Der kleine Geist zuckte zusammen und versteckte den Magneten hinter seinem Rücken. „Ich wollte nur... ich wollte doch nur probieren“, flüsterte Pippin beschämt. „Jeden Tag sehe ich die Leute unten picknicken. Sie lachen, sie teilen sich ihr Eis und sehen so glücklich aus. Mich hat aber noch nie jemand zu einem Picknick eingeladen. Ich dachte, wenn ich das Eis zu mir hole, habe ich wenigstens ein bisschen von ihrem Glück.“
Fluffy spürte ein tiefes Mitgefühl. Er verstand, dass Pippin nicht böse war, sondern sich einfach nur einsam fühlte. „Weißt du“, sagte Fluffy mit seinem freundlichsten Lächeln, „Eis schmeckt viel besser, wenn man es gemeinsam isst. Aber wenn du es stiehlst, haben die anderen unten keine Freude mehr daran. Wie wäre es, wenn wir statt einer Diebestour eine richtige Luft-Eis-Party veranstalten? Wir laden einfach alle ein, hier oben mit uns in den Wolken zu schlemmen!“
Pippins Augen leuchteten auf. Gemeinsam stellten sie den Geschmacks-Magneten um. Statt das Eis einfach nur festzuhalten, ließen sie es nun sanft wie süße Schneeflocken auf die Picknickdecken der Menschen hinabsinken. Fluffy rief den Leuten zu, dass sie nach oben schauen sollten. Herr Schleck und Professorin Kniffke staunten nicht schlecht, als sie Pippin und Fluffy oben im Baum entdeckten. Die Einsamkeit des kleinen Geistes war verflogen, als alle Kinder ihm zuwinkten und ihn baten, doch auch zu ihnen herunterzukommen.
Nachdem Pippin den Magneten deaktiviert hatte, kehrte die Schwerkraft sicher zurück. Fluffy saß schließlich erschöpft, aber glücklich auf einer Parkbank. Herr Schleck überreichte ihm feierlich eine Waffel mit zwei riesigen Kugeln, die fest an ihrem Platz blieben. Es war der Lohn für seinen ersten gelösten Fall. Während die Sonne hinter der Skyline unterging, wusste Fluffy, dass er der beste Detektiv der Welt war – nicht, weil er den Dieb gefasst, sondern weil er einen neuen Freund gefunden hatte.