Hoch oben im flüsternden Weidenbaum gab es eine ganz besondere Schule. Das war kein gewöhnliches Klassenzimmer mit Bänken, oh nein! Es war eine Flugschule für kleine, flauschige Vögel. Und wer war die Lehrerin? Das war Luna. Luna war eine wunderschöne, schneeweiße Eule. Sie trug einen winzigen, mit silbernen Sternen bestickten Zauberhut und eine kleine, runde Brille auf ihrem Schnabel. Klapp, klapp, klapp – so wackelte sie mit ihrem Hut, wenn sie die Kinder begrüßte.
Heute war ein anstrengender Tag. Die kleinen Spatzen und Meisen versuchten schon den ganzen Morgen, ihre Flügel zu schwingen. „Flatter, flatter, plumps!“, machte es. Der kleine Spatz Pip saß auf einem Ast und ließ die Flügel hängen. „Meine Flügel sind zu klein, Luna“, piepste er traurig. „Ich komme niemals bis zum Mond.“ Luna rückte ihre Brille zurecht und schaute Pip aus ihren großen, bernsteinfarbenen Augen liebevoll an. „Weißt du was, kleiner Pip?“, flüsterte sie. „Manchmal braucht man keine Federn, um zu verreisen. Manchmal braucht man nur... Fantasie.“
Alle Vögelchen schauten Luna neugierig an. „Fantasie? Kann man die essen?“, fragte ein kleiner Fink. Luna lachte leise, ein Geräusch wie sanfte Glöckchen. „Nein, aber man kann mit ihr fliegen! Kommt mal alle ganz nah zusammen. Kuschelt euch ein. Und jetzt: Augen zu! Ganz fest zu, zu, zu!“ Die Vögelchen schlossen ihre Augen. Alles war dunkel, aber es war eine warme, gemütliche Dunkelheit.
„Stellt euch vor“, begann Luna mit ihrer weichen Stimme, „dass wir nicht mehr im Baum sitzen. Wir fliegen jetzt durch Wolken, die so weich sind wie Marshmallows. Puf, puf, puf! Spürt ihr, wie sanft sie sind?“ Die kleinen Vögel atmeten tief ein. „Und schaut mal unter euch“, sprach Luna weiter. „Da unten fließt ein Fluss aus flüssiger Schokolade. Und die Blumen am Ufer? Die können singen!“ Pip fing an zu lächeln. Hinter seinen geschlossenen Augen sah er plötzlich alles ganz bunt: lila Gras und tanzende Bäume.
„Oh weh!“, rief Luna plötzlich spielerisch. „Ein Kitzel-Sturm kommt auf uns zu! Haltet euch fest!“ Die Vögelchen schüttelten sich vor Vergnügen. Sie stellten sich vor, wie der Wind sie am Bauch kitzelte. „Wusch, wusch!“, machten sie und wedelten mit ihren Gedanken-Flügeln. Sie merkten gar nicht, wie mutig sie plötzlich wurden. Sie flogen in ihrer Fantasie bis zur Galaxie des Gekichers, wo die Sterne wie kleine Bonbons leuchteten.
„Und jetzt“, sagte Luna leise, „landet ganz sanft wieder auf eurem Ast. Blinzel, blinzel, denkt – und macht die Augen auf!“ Die Vögelchen blinzelten. Sie saßen immer noch im Weidenbaum, aber ihre Herzen pochten vor Glück. Pip fühlte sich plötzlich gar nicht mehr klein. „Luna! Ich bin bis zum Schokoladenfluss geflogen!“, rief er stolz. Er hüpfte auf den nächsten Ast, ganz ohne Angst. „Wenn ich im Kopf bis zum Mond fliegen kann, dann schaffe ich diesen kleinen Hüpfer erst recht!“
Luna lächelte und rückte ihren Sternenhut gerade. „Genauso ist es, kleiner Pip. Flügel bringen dich zum Nest, aber deine Fantasie bringt dich zu den Sternen.“ An diesem Abend schliefen alle Vögelchen besonders tief. Sie träumten von Marshmallow-Wolken und wussten, dass sie alles schaffen konnten, solange sie ihre Träume bei sich trugen. Und so ging ein wunderschöner Tag in der Flugschule zu Ende. Gut Nacht, kleine Flieger!