Es war einmal im Tal der Samtdämpfe, einem Ort, an dem die Sonne jeden Abend wie ein riesiger, warmer Pfirsich hinter den Bergen versinkt. In diesem Tal wohnte Zog. Nun muss man wissen, dass Zog kein gewöhnlicher Drache war. Er war smaragdgrün, kugelrund und hatte winzige Flügelchen, die so schnell flatterten wie die Flügel eines Kolibris, wenn er aufgeregt war – was eigentlich fast immer der Fall war. Aber heute war es Zeit für das Bett. Seine großen, bernsteinfarbenen Augen waren schwer, doch sein Geist? Oh, sein Geist hüpfte wie ein Gummiball in einem geschlossenen Raum hin und her. Kennst du das auch, wenn dein Körper müde ist, aber dein Kopf noch eine Party feiert?
Zog trug an seinem Schwanz einen einzelnen goldenen Ring, der das letzte Licht des Tages einfing. Er saß in seinem gemütlichen Nest aus Weidengras und hielt seine lederne Tasche fest umschlungen. Darin bewahrte er seine Schätze auf: einen glatten Kieselstein, der nach Regen roch, eine getrocknete Pusteblume und das Echo eines Lachens. Aber nichts davon half ihm jetzt, die „Große Stille“ zu finden. Zog wusste, dass er eine Entscheidung treffen musste, um in das Traumland zu gelangen. Aber wie entscheidet man sich, wenn alles so spannend ist?
Plötzlich hörte er ein rhythmisches Geräusch. Trip-trap, trip-trap. Über die Hügel der Einschlaf-Wiese spazierten die Flausch-Wolken-Schafe. Sie waren so rund und weiß, dass sie aussahen wie Marshmallows auf Beinen. „Komm schon, Zog!“, rief das Leitschaf mit einem ungeduldigen Mäh!. „Zähl uns einfach. Eines nach dem anderen. Bumm! Über den Zaun. Bamm! Auf die andere Seite. Das ist Ordnung, das ist Rhythmus, das ist Schlaf!“ Zog sah ihnen zu. Eins, zwei, drei... Das war eigentlich ganz nett. Ein klassischer Weg, oder?
Doch gerade als er das vierte Schaf zählen wollte, streifte sein Blick seinen eigenen Schwanz. Durch den goldenen Ring reflektiert, begannen die smaragdgrünen Schuppen an seinem Ende zu funkeln wie eine private Galaxie. „Ohhh“, machte Zog leise. Die Sterne auf seiner Haut schienen zu vibrieren. Zisch! Funkel! Blink! Jede Schuppe erzählte eine Geschichte von fernen Welten. Warum sollte er langweilige Schafe zählen, wenn er sein eigenes Universum direkt bei sich hatte? Aber kaum sah er zu seinem Schwanz, riefen die Schafe: „He! Wir warten! Du verpasst den Sprung!“
Zog geriet in Panik. Er wollte nichts falsch machen. Er wollte die Schafe nicht beleidigen und die Sterne nicht ignorieren. Hast du dich jemals so gefühlt, als würdest du etwas verpassen, wenn du dich für nur eine Sache entscheidest? Zog versuchte es mit beidem gleichzeitig. Ein Auge auf die Schafe, ein Auge auf die glitzernden Schuppen. Links, rechts, links, rechts. Sein Kopf begann zu wirbeln. Er wurde so schwindelig, dass er stolperte – Klapper! Polter! Boing! – und seine kostbare Ledertasche umstieß. Alle seine Schätze rollten durch das Tal. „Oje!“, rief Zog, und das Echo weckte sogar den silbernen Mondfuchs am Waldrand auf.
Das Tal war nicht mehr still. Die Schafe meckerten, die Sterne flackerten nervös, und Zog saß mittendrin und fühlte sich ganz und gar nicht schläfrig. Er hielt inne. Er atmete tief ein – so tief, dass sein mintfarbener Bauch ganz rund wurde. Er merkte, dass die Entscheidung ihn nicht quälen sollte. Es ging nicht darum, was „besser“ war. Es ging darum, was sein Herz in diesem Moment brauchte. Er schloss kurz die Augen und hörte auf den Wind. „Puff“, machte er leise und stieß ein kleines Wolkchen Drachenrauch aus.
Dann hatte er eine wunderbare Idee. Warum wählen, wenn man kombinieren kann? Er betrachtete die funkelnden Sterne auf seinem Schwanz und tat so, als wären es seine eigenen, persönlichen Schlafschafe. Er zählte nicht mehr, um fertig zu werden, sondern um zu genießen. „Ein Sternen-Schaf... zwei Sternen-Schafe...“ Seine Bewegungen wurden ruhig. Der goldene Ring an seinem Schwanz gab ein sanftes, warmes Leuchten ab. Er merkte, dass er keine Angst haben musste, etwas zu verpassen, solange er bei sich selbst blieb.
Die impulsiven Flausch-Schafe der Wiese sahen, dass Zog seinen Frieden gefunden hatte, und trabten leise davon. Auch der Mondfuchs legte seinen Kopf wieder auf die Pfoten. Zog kuschelte sich in sein Nest, spürte das angenehme Gewicht seines eigenen Körpers und die Weichheit seiner herzförmigen Schuppen an der Schulter. Sein Atem wurde flacher, ein regelmäßiges Haaa-Puhhh. Er vertraute auf seine Wahl. Und genau so, mit einem letzten, glücklichen Funkeln in den Augen, glitt der kleine grüne Drache in die tiefste, schönste „Große Stille“, die er je erlebt hatte. Und so ging am Ende alles genau richtig aus. Gute Nacht, Zog.